Baukultur ist Identitätsstiftend

Erhalt der Baukultur zur Förderung der Identifikation mit der Stadt

Ein Beitrag von Aaron Kruse (M.A. Stadt- und Regionalentwicklung)

Die Stadt Wilhelmshaven feiert im nächsten Jahr ihr 150- jähriges Jubiläum. Sie ist eine von nur wenigen deutschen Städten, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden. Doch trotz ihres vergleichsweise jungen Alters hat Wilhelmshaven bereits eine bewegte Geschichte hinter sich, die sich im Erscheinungsbild widerspiegelt.

Städtisches Lagerhaus - Silhouette
Städtisches Lagerhaus | Artwork von Ulf Berner

Mittlerweile sind viele prägende Elemente des Stadtbildes jedoch akut gefährdet. Sie sind von Verfall oder geplanten Bauvorhaben bedroht. Der Verein zum Erhalt Wilhelmshavener Baukultur e.V. und die Bürgerinitiative zum Erhalt der Baukultur am Kanalweg (Bizebak) setzen sich für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der betroffenen Gebäude ein. Im Folgenden werden Gründe genannt, warum dies auch im Interesse der Stadt und der breiten Öffentlichkeit liegt. Die genannten Bauwerke dienen dabei nur als Beispiele für eine Vielzahl erhaltungswürdiger Orte in Wilhelmshaven.

Historische und städtebauliche Bedeutung

Gebäude stehen nicht nur für ihre Materialität oder den Zweck zu dem sie erbaut wurden. Sie repräsentieren häufig auch die Zeit, zu der sie errichtet wurden. Das ehemalige städtische Lagerhaus (1912 erbaut), das Jadebad (1885 eröffnet), sowie das Gelände des ehemaligen Schlachthofes stehen für die Zeit der Jahrhundertwende vom 19.- ins 20. Jahrhundert. Sie alle befinden sich am Ems – Jade – Kanal und können somit als ein Ensemble betrachtet werden.

Alter Schlachthof
Alter Schlachthof | Foto: Ulf Berner

Beim Schlachthof und dem alten Lagerhaus handelt es sich um historische Industriearchitektur. Ihre architektonische Gestaltung spiegelt den damaligen Zeitgeist wieder.

Die Gebäude können als Zeugen einer Epoche des Aufbruchs und des Glaubens an den technischen Fortschritts betrachtet werden. Die Industrialisierung sorgte für einen noch nie dagewesenen Aufschwung. In Wilhelmshaven kam noch die Marineeuphorie der damaligen Zeit hinzu. Die Stadt profitierte von der Begeisterung für die Flotte unter Wilhelm II, die Einwohnerzahl vervielfachte sich innerhalb innerhalb weniger Jahre. Genau in diese Epoche fiel auch der Bau der prägenden Industriegebäude am Ems – Jade – Kanal. Die Baukultur, in der sich der Optimismus jener Zeit niedergeschlagen hatte, verschwand mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges wieder.

Das Jadebad, als Werftbadeanstalt der kaiserlichen Marine eröffnet, war besonders wegen seiner direkten Lage am Kanal etwas besonderes. Wegen seiner langen historischen Verbindung zur Marine ist das Bad auch untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden.

In Frage steht außerdem der Erhalt der ehemaligen Gaststätte „Elisenlust“, welche 1911 eröffnet und ab 1985 als Discothek „Casablanca“ weitergeführt wurde. Dem Ort kommt eine besondere historische Bedeutung zu, weil hier im November 1918 die Matrosenaufstände ihren Lauf nahmen. Wilhelmshavener Arbeiter und Soldaten versammelten sich hier, um sich dem letzten selbstmörderischen Seegefecht des Krieges zu verweigern und ihre eigene Republik auszurufen. Die Proteste führten letztendlich zur Abdankung des Kaisers und dem Aufbau der ersten deutschen Demokratie.

Vielen Einwohnern und Besuchern ist die historische Rolle der Stadt bei der Beendigung des Krieges gar nicht bewusst. Sie gehört aber ebenso zu Wilhelmshaven wie all die Pläne, das Kaiserreich durch die mächtigste Flotte zu einer Weltmacht aufsteigen zu lassen. Um daran zu erinnern, sollte die Elisenlust als historischer Ausgangspunkt der Ereignisse unbedingt erhalten bleiben!

Städtisches Lagerhaus
Das Städtische Lagerhaus, Sep 2013 | Foto: Ulf Berner

Für ein angenehmes Stadtbild sind neben der Ästhetik der Gebäude auch Orte wichtig, die als ungewöhnlich und einprägsam wahrgenommen werden. Für die historische Baukultur am Kanal trifft dies sicherlich zu. Sie hebt sich positiv von einem Stadtbild ab, dass immer uniformer wird. Die meisten heute errichteten Gebäude haben eine zweckdienliche Form. Verständlicherweise wird beim Bau mehr Wert auf Wirtschaftlichkeit als auf einen hohen Wiedererkennungswert gelegt. Die Prinzipien der Marktwirtschaft haben sich auch in der Architektur durchgesetzt. Die Folge sind jedoch Städte, die immer gleichmäßiger aussehen und sich optisch immer mehr angleichen. Historische Baukultur wertet hingegen das Stadtbild auf und bietet die Möglichkeit, in der Stadt etwas zu entdecken. Reizvolle Städte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Interesse und Neugier wecken. Dass die Gebäude am Kanal diese Funktion erfüllen, zeigt sich bereits am medialen Interesse und an dem großen Engagement, mit dem sich Menschen für den Erhalt der Bauwerke einsetzen.

Potenzial für die Identifikation und die Verbundenheit mit Wilhelmshaven

JadeBad
Das ehemalige JadeBad | Foto: Ulf Berner

Oft ist unklar, wovon bei einer Identifikation oder Verbundenheit mit einer Stadt gesprochen wird. Bei Identifikation geht es darum, die Stadt ein Stück weit in die eigene Persönlichkeit mit einzubeziehen, bei der Verbundenheit um eine emotionale Bindung, um das Gefühl, in dieser Stadt leben zu wollen.

Um solche persönlichen Bindungen zu ermöglichen, braucht es in der Stadt Orte, mit denen Menschen für sie wichtige Erinnerungen und Erlebnisse verbinden können. Die Bedeutung dieser besonderen Orte wird dann auf die Stadt übertragen. Das funktioniert aber nur, wenn die Orte selbst auch einprägsam sind. Gesichtslose Supermarktparkplätze können keine bedeutsamen Räume sein, weil die dortigen Erlebnisse nicht mit ihnen in Zusammenhang gebracht werden. Die Gebäude am Kanal hingegen sind besondere Orte, sie bleiben in Erinnerung.

Alter Schlachthof - Silhouette
Alter Schlachthof | Artwork von Ulf Berner

Wir treten nicht nur für den Erhalt, sondern ausdrücklich auch für die nachhaltige Nutzung der Baukultur ein. Identifikation entsteht durch Aktivität, durch das eigene Aneignen oder Gestalten eines Ortes. In ihrem jetzigen Zustand verfehlen die Bauwerke nur teilweise diesen Zweck. Die Zwischenzeitliche Verwendung des Jadebads durch die Südbar und andere Kulturprogramme hat bereits gezeigt, wie die Besucher einem Gebäude positive Bedeutungen zuschreiben. Eine aktive Nutzung der historischen Baukultur wäre auch für den Tourismus und die Imagepflege interessant. Wilhelmshaven könnte eine Stadt sein, mit der man sich identifiziert.

 

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